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Der schlanke Herr mit den grauen Haaren und dem ebenso grauen Bart trägt Brille und Lederhosen, er wirkt etwas nervös. Demir Gökgöl hat erst vor ein paar Tagen – nach über 51 Jahren – das Rauchen aufgegeben. Nein, der Schauspieler hat nichts gemein mit dem kurpfuschenden Hodscha aus Tevfik Basers Film »40 Quadratmeter Deutschland« oder dem herzlosen Vater aus »Gegen die Wand«. Aber für solche Rollen wird er oft besetzt, sogar im »Tatort«. Einzige Ausnahme: Der Kinofilm »Auge um Auge« von Mansour Gadharkah. In der Geschichte über eine Flüchtlingsfamilie aus dem Nahen Osten, die in Deutschland Asyl sucht, spielt Demir Gökgöl an der Seite von Renan Demirkan. Er ist stolz auf den Streifen, weil er schon damals – kurz vor den Möllner Anschlägen – den radikalen Islamismus kritisiert. Viele Bücher statt »einer Schrift« Für Religionen hat sich Demir Gökgöl zeitlebens interessiert, aber ausgelebt hat er keinen Glauben. Er stammt aus einem liberalen Elternhaus und hat eine freie Erziehung genossen. Die Eltern stammen aus dem Osten – genauer gesagt aus Aserbaidschan und von der Krim. Nach der Russischen Oktoberrevolution ziehen sie nach Istanbul, wo im Stadtteil Yesilköy 1937 der Jüngste von drei Brüdern und einer Schwester zur Welt kommt. Der Name erinnert die Eltern an ihre Heimat – Demir Gökgöl heißt übersetzt »eiserner Himmelssee«, so wie der aserbaidschanische Geburtsort des Vaters. Demir wächst in einem reichen Elternhaus auf – der Vater arbeitet seit den 30er Jahren an einem landwirtschaftlichen Institut – und beginnt schon früh zu lesen. »Schuld« ist der Vater und dessen Liebe zur russischen Literatur, die er trotz unangenehmer Erinnerungen an Russland bewahrt hat. Die melancholische Wehmut gefällt auch dem Sohn und als 12-Jähriger kann er Puschkin auswendig. Hinzu kommen Dostojewski, Sergej Eisenstein sowie Balzac, Freud und alles, was der heimische Bücherschrank hergibt. Und das ist viel in einem gebildeten, muslimischen Haushalt, in dem Religion eine untergeordnete Rolle spielt und Individualität groß geschrieben wird. Schellack statt Beatles, Jazz im Radio Als alle Welt Pilzkopf trug und »Satisfaction« das rebellische Lebensgefühl einer ganzen Generation verkörpert, hört Demir Gökgöl Schellack-Platten von Caruso. Er lebt aus, was Atatürk propagiert – Kunst, Literatur und Musik sind sein Zugang zur Welt. Mit elf entdeckt er seine Liebe zum Jazz. Stundenlang hängt er vor dem riesigen Radio der Eltern und hört »Music USA – the Jazz Hour« – eine Sendung von Willis Canover, die von zwölf bis zwei Uhr nachts läuft. Eine andere Lieblingssendung wird das Jazzprogramm von Radio Ankara mit dem späteren Star-Moderator Cüneyt Sermet, dem Demir jede Freitagnacht lauscht. Aus Demir Gökgöl wird ein Weltbürger, der sich für verschiedenen Länder und deren Künstler, Dichter und Philosophen interessiert. Das kulturelle Erbe mit allen Facetten macht für ihn den Reiz eines Landes aus. In Deutschland stört es ihn, dass die türkische Kultur auf Folkloretänze reduziert wird. Deutsche Geschichte heißt ja auch nicht, nur über Hitler sprechen. Jedes Land hat seine Diktatoren – das ist eine alte Weisheit. Auch die Türken waren jahrhundertelang Kolonialisten und wollten die ganze Welt beherrschen. Keiner kann dem anderen einen Vorwurf machen. Deutsche Künstler, findet Demir, waren in Deutschland jedoch immer allein und einsam. Beethoven war taub, Schuhmann im Irrenhaus, das Grab von Mozart kennt niemand – Künstlerpech. Aus Interesse wird Fernweh. Vom Bosporus an die Elbe 1958 beginnt Demir Gökgöl mit dem Studium der Soziologie an der Istanbuler Universität. Aber schon bald zieht es ihn nach Wien und er wechselt ins Theaterfach. Er geht regelmäßig in den Stephansdom und hört Bach. Er begeistert sich für die Oratorien von Händel und hört eine englischsprachige Aufführung des »Messias«. Sein Studium der Theaterwissenschaft finanziert er mit Waldarbeit in Finnland, Weinlese in Frankreich und Fensterputzen in Stockholm. Er bricht das Studium ab und geht zurück nach Istanbul – er will Theater machen und die Menschen verändern. Für die türkische Arbeiterpartei inszeniert er Sartre, heute hält er sowas für Blödsinn. 1968 kommt Demir Gökgöl nach Deutschland und arbeitet in Hamburg in einer großen Firma als Übersetzer und Mädchen für alles. Später hat er technisches Zeichnen gelernt und damit sein Geld verdient – 34 Jahre lang. Davon hat er später 18 Jahre Frau und Sohn ernährt. Eine Zeit, die er einsam in Erinnerung behält. So allein, wie man eben ist, wenn einer arbeitet und die anderen auf das Geld warten. Seine Frau fand sich in Deutschland nicht zurecht. Demir hilft sich mit Büchern und fühlt sich wie neu geboren, als die Ehe vor über zehn Jahren geschieden wird. Lebenselixier Musik Auch wenn die Kunst für Demir Gökgöl stets Nebenverdienst bleibt, lässt ihn die Leidenschaft für Jazz und Theater nie los. Schon damals in der Türkei, als mit seinen Kumpels wegen der langen Haare und Bärte auffiel und als Kommunist und Bekloppter beschimpft wurde, fasziniert ihn internationale Sprache der Musik. Mit Freunden hört er Juliette Greco und Boris Vian, sie kopieren den Stil der Existenzialisten und bringen ihn nach Istanbul. Sie hatten Interesse an der ganzen Welt und eine unheimliche Sehnsucht nach dem Guten. Die Sehnsucht riecht nach Frankreich und Deutschland, dort wollen sie Kultur leben. In Hamburg erfüllt sich Demir Gökgöl einen Traum: Er gründet 1985 zusammen mit dem Dirigenten der NDR-Big-Band Dieter Glawischnig einen Jazzklub. Im »Circle«, gleich beim Hauptbahnhof, treffen sich Musiker Solisten der NDR-Big Band und Weltstars des Jazz. Albert Mangelsdorf, Günter Baby Sommer aus der DDR jammen hier, die amerikanische Trompeter-Legende Chet Baker hinterlässt bleibenden Eindruck. Zwei Jahre lebt Demir Gökgöl fast ohne Schlaf – tagsüber arbeitet er als technischer Zeichner, nachts für den Modern Jazz – dann geht der Club pleite. Doch heute noch träumt er davon, dass im Aspendos-Theater in Side im Süden der Türkei in einem Orchester, Kurden, Türken, Griechen und Armenier zusammen jazzen. Jazz ist schließlich Freiheit und Zusammenspiel, verbindet Musiker wie Publikum und überwindet Grenzen mühelos. Aber jetzt ist er Hamburger, will es auch bleiben und wenn es soweit ist, in Ohlsdorf – natürlich mit Jazzmusik – begraben werden. Demir Gökgöl hat bereits zwei CD’s mit Gedichten von Nazým Hikmet veröffentlicht, unter anderem in Begleitung des berühmten türkischen Musikers Fuat Saka. Und wer Demir Gökgöl live erleben möchte, sollte eine seiner Lesungen besuchen. Zum Programm gehören Rilke, Brecht, zeitgenössische polnische Lyrik sowie türkische, deutsche und usbekische Prosa. Unter anderem Sait Faik, Uwe Timm und Seysenbayev. |
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