Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, 39, Deutscher türkischer Herkunft, und der Journalist Vito Avantario, 37, Italo-Hamburger, treffen sich in der Hamburger Wohnung von Zaimoglus Lebensgefährtin zum Gespräch. Auf dem Küchentisch liegen drei Schachteln Zigaretten. Zwei davon gehören Zaimoglu. Er raucht Lucky Strike Filter und Marlboro Menthol im Wechsel und in den nächsten zweieinhalb Stunden fast durchgehend. Am Tischrand stapelt sich das gerade fertiggestellte Manuskript zu einem neuen Erzählband. Daneben steht die elektrische Schreibmaschine, auf der der Kieler Autor das Manuskript notiert hat, eine AEG, Typ Olympia Carrera SI. Zaimoglus Geschichten berichten von Randständigen, von Minderheiten, meist aus dem Soziotop der Migranten. Berühmt wurde er durch die Bücher »Kanak Sprak« und »Abschaum« (Rotbuch Verlag), in denen er in einer Art Pidgin-Deutsch Misstöne vom Rande der Gesellschaft notierte. Sein neuestes Buch heißt »German Amok« und ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Zaimoglu steckt sich seine erste Zigarette an und erzählt eine Geschichte, die ihm am Abend vor unserem Interview passiert ist: er fährt in einem Taxi durch Hamburg und kommt mit dem Taxifahrer ins Gespräch. Der erzählt von seiner geschiedenen Frau, von seiner neuen Lebensgefährtin und dann von der Krise, in der das Taxigewerbe stecke. Als Zaimoglu sich fragt, wo das Gespräch wohl hinführen wird, überkommt ihn die Ahnung, die jeder Migrant kennt, wenn er sich mit einem klagenden Kleingeist über dessen Misere unterhält. »Wissen Sie«, beginnt der Fahrer sein Jammer, »mittlerweile sind nur noch vier Prozent von uns Taxifahrern Deutsche. Der Rest Ausländer. Die zerstören unser Geschäft.« Zaimoglu schweigt. Die Fahrt geht zu Ende. Zaimoglu zahlt, gibt etwas Tip und verabschiedet sich mit den Worten: »Danke. Und übrigens: Ich bin Türke.«

Wie erklären Sie sich das Verhalten des Fahrers?
Der hat Angst vor unserem Sperma.

Wie bitte?
Eine Exotentusse würde gar nicht so angegangen. Schön muß sie sein und willig, dann ist sie kein Problem für einen wie den. Aber diese Halligalli-Alis, die sind die Konkurrenz für solche Typen. Wenn man sich das Treiben dort draußen mit dem Röntgenblick anguckt, dann dreht sich das Proletengespräch um eines: es besteht das rassistische Gerücht, der dahergezogene Fremde sei darauf aus, den einheimischen Mann kaputt zu machen. Das Fundament ihres Fremdenhasses ist also ein biologistisches Motiv. Nicht umsonst schlägt einem häufig zuerst der Vorwurf entgegen: »Ihr nehmt uns unsere Frauen weg.« Diese Phrase existiert seit den Anfängen der modernen Migration nach Deutschland vor fünfzig Jahren.

Sie meinen, der Rassist fürchte den Fremdländer, weil er seine Existenz gefährdet?
Ja. Es ist bloß so, daß man das in diesen Zeiten nicht sagen darf, denn von vornherein schießt man sich mit einer solchen Argumentation ab. Verfällt man nicht automatisch in einen linken Jargon, bist du sofort außen vor. Da wird der Spieß herumgedreht und man selbst steht plötzlich als Rassist da. Verkehrte Welt.

Dabei sind SIE es, der auf der Anti-Antifa-Liste der Neo-Faschisten steht. Wie leben Sie damit?
Kommt darauf an, wo ich mich bewege. Ich habe etliche Lesungen im Osten gehalten. Kürzlich etwa wurde ich eingeladen von der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen. Das Landeskriminalamt hat mir Personenschutz zugestellt, weil die Veranstalter es ganz offensichtlich für nötig gehalten haben. Ich selbst neige nicht zur Paranoia. Ich kehre potentielle Gefahren eher gern unter den Tisch, auch weil man sich schnell den Vorwurf der Larmoyanz einhandelt, wenn man einfache Tatsachen zur Sprache bringt. Jedenfalls hatte ich irgendwann keine Lust mehr Nachts einen Plastikeimer voller Wasser an mein Bett zu stellen, weil ich nicht wußte welche Geschosse nachts durchs Fenster hereinfliegen. Ich hatte auch keine Lust mehr, den Veranstaltern erklären zu müssen, daß ich nicht mit dem Zug anreisen möchte, weil hinter Lübeck die nationalbefreiten Zonen beginnen. Ich hätte ihnen ständig erklären müssen, ich komme mit dem Auto und tanke in Westdeutschland voll, um keinen Stop im Osten machen zu müssen. Ich werde vielleicht in Jena oder Leipzig hin und wieder auftreten. Ansonsten habe ich beschlossen keine Lesungen in Ostdeutschland mehr zu geben.

Dem Taxifahrer sagten Sie, sie seien Türke. Zu anderen Gelegenheiten behaupten Sie, sie seien Deutscher. Was sind Sie denn nun?
Diese Zugehörigkeitsfrage ging mir schon immer auf den Keks. Was soll denn diese Frage nach der Verortung? Was erledigt sich denn, wenn dies geklärt ist? Ich gebe nichts auf Begriffe wie Heimat oder Identität.

In ihrem neuesten Buch, »German Amok«, wütet der Protagonist, ein erfolgloser Maler, von einem Tobsuchtsanfall zum nächsten getrieben, durch das Kulturmilieu und veranstaltet ein verbales Gemetzel. Er überschüttet die Bohemiens mit Häme und Spott. Haben Sie sich zur Hauptfigur ihres eigenen Romans gemacht?
Natürlich hat das Buch autobiografische Züge. Ich hätte die Person aber auch in ein anderes Milieus plazieren können. Das aber ist zweitrangig. In erster Linie gehts mir in dem Buch um das Ausmaß des Abscheus und der Wut dieses Menschen. Der Typ ist aber eiskalt dabei. »German Amok« sind die Weltnotizen eines brodelnden Kaltblüters.

Ich finde eher eines Durchlauferhitzers.
Gut, er hat seine Schübe. Aber ansonsten läßt er sich treiben. Er geht raus und schaut sich die Deformationen der Menschen an. Sie alle sind derangiert, sie alle sind deformiert. Nun ist er aber nicht so braunäugig - und ich bin es auch nicht - daß er sich für einen besseren oder schlechteren Menschen hielte als die anderen. Er ist so wie alle, desillusioniert, aber nicht traurig oder gar verzweifelt.

Mir scheint, er ist einer, der andere mit Leidenschaft verachtet. Daraus – und aus nichts anderem – zieht er seine Lebensenergie. Was für eine arme Kreatur...
Die Wut ist sein Motor, gut. Aber was ist so schlimm daran? Ist es nicht so, daß wir uns besser fühlen, wenn wir die tatsächlich verachtenswerten Kreaturen auch verachten? Ist es nicht so, daß wir uns besser fühlen und es auch richtig ist, wenn wir diejenigen, die hassenswert sind, auch wirklich hassen? Ist es nicht ehrlicher, nicht einen solchen Werbefuzzisermon an den Tag zu legen, sondern mit der Sprache herauszurücken, auch auf die Gefahr hin, daß man gemessen am Mittelmaß zum Haßsubjekt wird? Wieso soll das Verachtung sein? Die Hauptfigur des Romans gehört zum Hassadel.

Ihr Hass aber ist nicht konklusiv: Sie begeht einen verbalen Amok zwar. Warum aber mordet sie nicht?
Es wäre eine Möglichkeit gewesen den Protagonisten zum Büchsenspanner zu machen. Wir aber haben es hier mit einem zu tun, der im Rahmen seiner Möglichkeiten den deutschen Sonderweg geht: denn abgesehen von den kollektiven Exzessen der Vergangenheit ist es doch so, daß er zwar hinausgeht und wütet, aber nicht ausartet. Deswegen heißt das Buch auch GERMAN AMOK: der einzelne hier artet nicht aus. Er explodiert nicht. Er implodiert vielmehr. Es ist die Geschichte einer Implosion. Dabei aber ist er konsequent. Er ist kein Schwätzer.

Es gäbe auch keinen mit dem er schwätzen könnte, weil er das Wir-Gefühl mit anderen Menschen vollständig meidet.
Ja. Er sucht absolut keine Gemeinschaft. Warum sollte er auch? In den allermeisten Fällen haben wir es dort draußen ja mit Scheißhauspersönlichkeiten zu tun. Was also sollte er suchen? Er sucht nix. Er ist ein Untertan dieser reglementierten Gesellschaft, aber: das einzige was man einem Untertan nicht nehmen kann, ist, hin zu sehen, zu gucken. Und das tut er. Er schaut und das, was er sieht läßt eine säuische Wut in ihm hochkochen.

Was sieht er?
Eine Welt, in der sich messende Tollpatsche sich maßlos verhalten, und ihre Errungenschaften zum Credo für alle machen. Im Umkehrschluß heißt das: Wir leben in einer Zeit, in der eine Nichtteilnahme an Mainstreammustern bestraft wird. Bist du dabei, ist es wunderbar. Widersetzt du dich, bist du ein Zersetzungskrakeeler. Da unterscheidet sich die Sichtweise der Romanfigur nicht wesentlich von meiner. Mir wird immer mehr klar, daß man einerseits – und das ist kein Klischee – den monolithischen Mainstream hat, mit einem Geschmack, der den Kleinbürger sättigt. Der Kleinbürger will – und das war immer so – die Enge seiner Verhältnisse verallgemeinern. Er möchte – und das stinkt ihm dann, wenn er das nicht kann – daß jeder es genauso ungemütlich hat, wie er selbst. Er möchte folglich, daß ein gewisser Pegel nicht überschritten wird. Wird er es aber, dann verdunkelt sich seine Welt. Dieser Pegel, den meine ich, wenn ich vom deutschen Mainstream rede.

Neulich waren Sie Gast in der TV-Show von Johannes B. Kerner. Auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch war eingeladen. Sie sollen sich geweigert haben, ihm die Hand zu geben.
Ja, habe ich erst, die Redaktion aber bat mich darum, ihn vor laufenden Kameras zu begrüßen. Ich habe das dann getan. Aber der Mann war völlig fertig: der hat erwartet, da säße ein widerspenstiger Molukke ihm gegenüber, der ihn sofort angeht, von wegen: »Ich Türke, ich fick dich, du gegen doppelte Staatsbürgerschaft, und so?« Darauf hat er bloß gewartet, damit er sein rassistisches Programm abfahren kann. Ich habe ihm aber keinen Widerstand geboten. Ich habe nett erzählt, das Publikum hatte seinen Spaß. Und dann habe ich irgendwann als die leidige Frage nach meinee ethnischen Zugehörigkeit kam, gesagt: ich bin Deutscher. Koch wußte nicht weiter. Da habe ich gemerkt, es funktioniert auch bei so einem Rassisten und Kriminellen wie ihm.

Was funktioniert?
Wenn ich sage, ich bin Deutscher, nehme ich der Gegenseite die Waffen. Man muss dabei nur darauf achten, nicht in die »deutsche Falle« zu tappen, wie das manch ein Arrivierter tut.

Sie meinen jene, die glauben, weil sie lange hier leben, angenommen worden zu sein und den treuen Alemannenfreund zu geben?
Ja. Ich meine jene, die sich jetzt auf die Hinterbeine stellen und davon sprechen, das Boot sei voll. Diese Lumpen habe ich gefressen. Es sind jene, die sich solidarisieren, weil sie glauben, sie haben aufgehört Nigger zu sein. Wenn der Sklave aber ein Hoch ausruft auf den Sklavenbesitzer, dann stimmt etwas nicht. Die Neigung zur Selbsttäuschung führt diese Leute dazu früher oder später erst recht die Identitätsfrage aufzuwerfen. Es sind genau diese Leute, die mir bei Lesungen sagen: »Du bist unser Alptraum: wir haben uns den Arsch aufgerissen, wir haben unser Ethnoprofil weggebogen, wir haben uns angepasst und nun kommst du und sagst...«

...und was sagen Sie?
Und ich sage: »Ja, jetzt komme ich und sage euch, ihr tragt keine Kleider! Ihr seht aus wie Kanaken, ihr stinkt wie Kanaken und ihr werdet nicht aufhören Kanaken zu sein, solange es sich in euren Köpfen um Deutsch und Nichtdeutsch, In- und Ausland dreht.« Dieser ganze Identitätsschwulst bringt überhaupt nichts, denn worum geht es denn eigentlich: geht es hier um Qualitäten, oder worum?

Vito Avantario
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